Vizepräsidentin der Hamburgischen Bürgerschaft




Rede zum 25. Todestag
gehalten auf dem Ohlsdorfer Friedhof am 17. Januar 2012

Wer die Geschichte vergisst, nimmt sich das Gestalten der Zukunft aus der Hand.

Vor 25 Jahren, am 17. Januar 1987, starb Magda Langhans-Kelm. Sie wurde 83 Jahre alt und liegt hier – neben ihrem Mann Heinrich – begraben. Magda Langhans war Gewerkschafterin. Sie war Mitglied der KPD und Mitbegründerin der DKP. Sie war ein Arbeiterkind und das Älteste von sieben Geschwistern.

Ich habe sie nicht kennengelernt, obwohl ich seit 1982 in Hamburg lebe und wir eine Zeit lang der gleichen Partei angehörte. Sie lebte zuletzt sehr zurückgezogen, hat mir Käthe Christiansen erzählt.

Die Spurensuche nach Magda Langhans politischem Erbe war eine spannende und sehr emotionale Zeitreise. Sie führte mich hauptsächlich in die Zeit, nachdem der Hitlerfaschismus niedergerungen worden war. Hamburg lag zu einem großen Teil in Trümmern. Die Bevölkerung war ausgehungert und kriegsmüde. Die Strukturen der Stadt waren durchsetzt mit Nazis, der Geist von 13 Jahren Terror hatte noch viele Köpfe in Besitz.

Die britische Militärregierung ernannte im Februar 1946 insgesamt 81 Frauen und Männer in die Bürgerschaft. Magda Langhans war eine von ihnen. Sie wurde als erste Frau in das Präsidium gewählt. Das war 536 Jahre, nachdem die Rechte der Bürgerschaft erstmals niedergeschrieben wurden.

Ich habe mir die kleine Frau, die Magda Langhans gewesen ist, oft im Geiste vorgestellt, wie sie im Präsidium sitzt und die Sitzungen leitet. Wie sie ihre stets gut vorbereiteten und informativen Reden hält und souverän auf Zwischenrufe der männlichen Abgeordnetenkollegen reagiert.

Ich habe mir aber auch vorgestellt, wie es für Magda Langhans gewesen sein muss, als die NSDAP 1933 die Macht übernommen hatte. An der Bürgerschaftssitzung am 8. März 1933 nahmen die Abgeordneten der KPD nicht mehr teil, viele wurden verhaftet. Die KPD wurde von den Nazis verboten, die Bürgerschaft kurzerhand um die Sitze der KPD verringert. Von der letzten Bürgerschaftssitzung am 28. Juni 1933 waren dann die SPD-Abgeordneten ausgeschlossen, etliche von ihnen ebenfalls verhaftet worden. Magda Langhans schrieb über diese Zeit:

„Ich habe noch im Februar 1933 vom Rathaus 2000 Mark Diäten für unsere KPD-Abgeordneten abgeholt. Das Geld konnten wir dringend gebrauchen. Unsere illegal arbeitenden Genossen mussten doch leben und auch wegkommen können. ... Wir haben noch am 1. Mai 1933 eine illegale Demonstration durch unseren Stadtteil gemacht. Da haben wir die Betten abgezogen und die roten Inletts aus den Fenstern hängen lassen. Erst als die SA kam, zogen wir uns zurück, um nicht unnötig die Genossen zu gefährden. Am 2. Mai besetzten die Faschisten unsere Wohnung. Aber ich konnte noch ein Jahr illegal weiterarbeiten, bis ich im Mai 1934 verhaftet wurde.“

Was muss sie für eine mutige Frau gewesen sein. Was muss es für einen Mut bedeutet haben, in dieser Zeit des Terrors Widerstand zu leisten.

Von 1934 bis 1940 musste Magda Langhans im Zuchthaus Lübeck-Lauerhof einsitzen. Sie war – als erste Frau – von den Nazis verurteilt worden, beschuldigt für Agitation und Propaganda und für die Durchführung von Schulungen zum Widerstandskampf gegen die braune Brut.

Wie muss das gewesen sein, in dieser Ernannten Bürgerschaft 1946, zusammen mit anderen Abgeordneten, von denen viele ebenfalls im Zuchthaus gesessen haben? Die Reden aus dieser Zeit zeugen von dem gemeinsamen Willen, Hamburg wieder aufzubauen. Der Gesellschaft wieder ein demokratisches Gesicht zu geben, den Geist des Faschismus aus den Köpfen zu verjagen. Ich habe mir diese Abgeordneten versucht, vorzustellen. Abgemagert müssen sie alle gewesen sein. Traumatisiert. Und sie hatten nun die Aufgabe, den ersten freien Wahlen nach dem Krieg den Weg zu ebnen, und die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln, Kleidung und Feuerungsmaterialien sicherzustellen.

In dieser Ernannten Bürgerschaft hat Magda Langhans besonders oft über die Frauen gesprochen. Und für die Frauen. Sie hat sich für sie eingesetzt, damit die unmittelbaren Benachteiligungen, die sie erlebten, gestoppt wurden. Sie erhielten weniger Lebensmittel als Männer, obwohl sie härter arbeiteten und einer Vierfachbelastung ausgesetzt waren. Sie gaben ja ihren Kindern aus ihren Zuteilungen sogar oft noch etwas ab, sodass sie noch weniger hatten, als ihnen eigentlich zustand. Sie mussten weitere Diskriminierungen aushalten. Zum Beispiel massive Razzien – wegen der Ansteckungsgefahr durch Geschlechtskrankheiten. Magda Langhans stellte die Frage in der Bürgerschaft, warum derartige Razzien nicht gegen Männer durchgeführt würden?

Magda Langhans forderte überdies, das Abtreibungsverbot aufzuheben. Denn die Zahl der Fehlgeburten war massiv angestiegen, Kurpfuscher gefährdeten Gesundheit und leben der Frauen. Magda Langhans und auch andere weibliche Abgeordnete setzten sich außerdem dafür ein, dass ausreichend Verhütungsmittel zur Verfügung gestellt wurden.

Ihre Reden waren immer konkret. Konsequent stand sie an der Seite der einfachen Bevölkerung. Sie prangerte soziale Ungerechtigkeiten an. Ich hatte den Eindruck, sie wusste stets ganz genau, wovon sie redet. Besonders eindringlich schilderte sie zum Beispiel das erbärmliche Leben in den Nissenhütten. Wer nicht vor Ort gewesen ist, sich das nicht angesehen hat, hätte das nicht so genau beschreiben können, wie Magda Langhans dies am Redepult der Bürgerschaft getan hat. Ich habe mir die Gesichter der anderen Abgeordneten vorgestellt, als sie sagte, dass diese Lebensbedingungen ein Verbrechen an der Menschheit sind. Und man muss sich dann nur einmal vorstellen, dass diese 40 Quadratmeter großen Wellblechbehausungen, in denen immer zwei Familien hausen mussten, bis in die 1960er Jahre in Hamburg standen und bewohnt wurden.

Die Jüngeren, die meine Aufzeichnungen und damit auch die Reden von Magda Langhans gelesen haben, haben mir übereinstimmend berichtet, dass sie nicht gedacht hätten, wie konkret und wie sozial authentisch schon damals in der Bürgerschaft und von Magda Langhans über die Probleme der Menschen geredet und welche Forderungen damals gestellt wurden. Das hat meinen Eindruck bestätigt, welches Wissens- und Bewusstseinsloch der Antikommunismus in der Bevölkerung gerissen hat.

Das fast einvernehmliche Schweigen über den politischen und parlamentarischen Alltag von Kommunisten und Kommunistinnen in Hamburg aus dieser Zeit paart sich wirklich unheilig mit dem systematischen Vergessen politisch aktiver Frauen.

Wenn wir uns die Wände im Rathaus ansehen, dann sehen wir auf den vielen Gemälden, die dort hängen, insgesamt nur drei Frauen abgebildet. Nur eine davon war Politikerin. Die zweite was eine Wohltäterin, die dritte Ehefrau eines Bürgermeisters. Dieses Missverhältnis setzt sich in der Öffentlichkeit fort: Nach politisch aktiven Frauen sind nur ganz wenige Straßen in Hamburg benannt. Selbst wenn die Chance dazu besteht, Frauen im öffentlichen Raum angemessen zu präsentieren – in der neu entstehenden Hafencity wäre ja zum Beispiel die beste Gelegenheit gewesen – wird diese nicht genutzt. Gleiches gilt für die Ehrenbürgerwürde. Nur vier der 34 Hamburger Ehrenbürger und Ehrenbürgerinnen sind weiblich.

Magda Langhans ist – wie viele andere Frauen auch – ein doppeltes Opfer des Verschweigens und Ausblendens.

Als ich vor einem Jahr eine Anfrage an den Senat stellte, um genau zu erfahren, wer auf den Gemälden im Rathaus abgebildet ist, lästerte die BILD-Zeitung darüber – immerhin über eine halbe Seite. Es wurde doppelt dagegen geschossen: DIE LINKE habe nichts besseres zu tun, und: Frau Artus, wirklich wichtigen Frauen wird in Hamburg sehr wohl gedacht. Beides ist falsch. Als linke Abgeordnete ist es sehr wohl mein Selbstverständnis, die patriarchalen Traditionen Hamburgs zu hinterfragen. Und ich bin überzeugt, dass die Boulevardpresse allerhöchste Nöte hätte, eine Liste von nur 20 Frauen zusammenzustellen, die für Hamburg, die Zivilgesellschaft und für die Demokratie wichtig und die nicht nur Ehefrauen und Wohltäterinnen aus der herrschenden Klasse gewesen sind.

Es reicht zudem natürlich nicht aus, Straßen nach Frauen zu benennen und Gemälde mit Männern im Rathaus auszutauschen.

Tausende Frauen in Hamburg leiden unter der sozialen Spaltung. Junge Frauen haben trotz besserer Schulabschlüsse schlechtere Berufsaussichten als ihre männlichen Altersgenossen. Ihnen steht zu einem großen Teil ein ähnlich unterbrochene Arbeitssbiografie bevor wie ihren Müttern und Großmüttern. Abtreibungen stehen immer noch unter Strafe. Alleinerziehend zu sein, ist nach wie vor eines der größten Armutsrisiken. Was wir derzeit aktuell erleben, ist, dass die Lebensqualität im Alter sich trotz steigenden Lebenserwartungen nicht für die gesamte Bevölkerung verbessert. Meine Generation ist jene, die ihre Rente erst ab dem 67. Lebensjahr erhalten wird. Das bedeutet faktisch weitere Rentenkürzung. Die wachsende Altersarmut bedroht überproportional Frauen.

Ab dem Jahr 2020 droht zudem die Schuldenbremse den sozialen Errungenschaften den Hals weiter zuzudrehen. Das Vermächtnis von Magda Langhans ist es auch, dies nicht zuzulassen und dagegen zu mobilisieren.

Das Vermächtnis von Magda Langhans ist ein weiteres. Ihr zweites großes Anliegen war die Entnazifizierung. Und man erkennt allein anhand ihrer Reden, wie schnell die junge Bundesrepublik die Nazigräuel vergessen wollte – und vergessen ließ.

Was sind die Folgen? Sie sind furchtbar. Die Serienmorde der Nazis, die jahrelang unbehelligt in Thüringen leben konnten, haben uns in erschreckendem Maß aufgezeigt, wie stümperhaft die Entnazifizierung nach 1945 durchgeführt wurde. Mit zielstrebiger Umtriebigkeit wurde stattdessen im Kalten Krieg gegen die Kommunisten und Kommunistinnen gehetzt, bis die KPD 1956 verboten wurde.

Der von mir sehr geschätzte Journalistenkollege Heribert Prantl von der Süddeutschen Zeitung hat es vor kurzem auf den Punkt gebracht, welches die Ursache dafür war. Er schrieb: „Um die Bevölkerung nur fünf Jahre nach der bedingungslosen Kapitulation wieder zur Aufrüstung zu bewegen, brauchte die Bundesrepublik ein Feindbild: Die Kommunisten.“ In dem gleichen Essay beschreibt er auch, wie und durch wen dies dann verwirklicht wurde: „KPD-Mitglieder, die im KZ gesessen hatten, wurden von Verfassungsschützern, die Nazis gewesen waren, zur Strecke gebracht.“

Und heute? Der Verfassungsschutz hat das Verbot der NPD bis heute verhindert. Es wurden mit Steuergeldern NPD-Mitglieder als V-Leute akquiriert, die mit diesem Geld die Strukturen dieser neofaschistischen Partei aufbauen konnten. Welch bittere Ironie der Geschichte.

Ich hoffe, mit meiner Broschüre, die ich zu Magda Langhans herausgegeben habe, einen Beitrag gegen das Vergessen geleistet zu haben. Ich hoffe, dass wir den Anforderungen der nächsten Jahre nachkommen können, damit sich diese Gesellschaft weiter demokratisiert, damit der Naziungeist keinen Boden mehr bekommt. Das Damals und das Heute müssen in Verbindung miteinander bleiben. Denn wer die Geschichte vergisst, nimmt sich die Zukunftsgestaltung aus der Hand."

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