September 2011 Jugendliche als Alkohol-TestkäuferInnen? Nein! |
Rede in der Hamburgischen Bürgerschaft am 29. September 2011 zur Aktuellen Stunde Frau Präsidentin, sehr geehrte Herren und Damen, Einigkeit besteht sicher in dem Willen, Jugendliche vor problematischem und gefährlichem Alkoholkonsum zu schützen. Uneinig sind wir bei der Wahl der Mittel, mit denen dies erreicht werden soll. Seit Jahren werden die Argumente ausgetauscht: Die Kinderkommission des Bundestages stellt zur Frage der Testkäufe fest: Kinder und Jugendliche haben ein Recht auf die uneingeschränkte Einhaltung der Schutzbestimmungen. Diese werden mit Kindern als Testkäufer ad absurdum geführt – Testkäufe mit Kindern sind aus ethischen, pädagogischen und entwicklungspsychologischen Gründen abzulehnen. Der Kinderschutzbund äußert sich ebenso unmissverständlich: Es ist juristisch höchst bedenklich, wenn Kinder zu verdeckten Ermittlern gemacht würden, die andere zu einer Straftat anstiften sollen. Kinder als Lockvögel zu missbrauchen, ist nicht mit der Würde des Kindes vereinbar. Ob uns das nun gefällt oder nicht: Alkoholkonsum ist ein Teil unserer Alltagskultur. Erwachsene trinken zu den meisten geselligen Gelegenheiten selbstverständlich Alkohol. Alkohol erfüllt für Erwachsene sowohl im sozialen Miteinander als auch in der individuellen Alltagsbewältigung zahlreiche Funktionen: Das gemeinsame Trinken erleichtert den sozialen Kontakt und baut Hemmungen ab und wirkt belohnend. Alkohol mildert auch Stresssymptome. Kinder erlernen am Beispiel ihrer Eltern, der Werbung und älterer Freunde und Freundinnen die Bedeutung und die vermeintlich positiven Auswirkungen des Alkohols kennen. Jugendlicher Alkoholkonsum ist daher nur ein Spiegelbild des allgemeinen Umgangs mit der Alltagsdroge. Wenn ein für Erwachsene allgemein kulturell akzeptiertes Verhalten bei Jugendlichen als grundsätzlich falsch oder moralisch verwerflich erklärt wird, ist das für Jugendliche völlig unglaubwürdig! Während der Pubertät müssen junge Menschen erwachsenes Verhalten erproben, reflektieren und ein eigenes Verhältnis dazu entwickeln. Das Erlernen eines eigenverantwortlichen und verantwortungsvollen Umgangs mit Alkohol gehört zur Entwicklung einer Persönlichkeit dazu. DIE LINKE findet auch: Nicht aus dem jugendlichen Alkoholkonsum an sich entsteht ein riskantes Trinkverhalten oder eine Alkoholsucht, sondern aus den sozialen und psychischen Risikofaktoren und dem in zu geringem Maße vorhandenen Schutz. Die Risikofaktoren auf den frühen Erstkonsum zu reduzieren, greift zu kurz. Hieraus die Begründung zu schaffen, Jugendliche für Testkäufe einzusetzen, damit sie helfen die Gesetzte zu überwachen, die sie schützen sollen, ist fatal. Auch das Argument, dass nur über 16-Jährige mit strengen Auflagen als TestkäuferInnen genutzt werden sollen, greift zu kurz. Das heißt in seiner Konsequenz: zu jung zum trinken, aber alt genug um als verdeckte ErmittlerInnen zu agieren. Um die Verfügbarkeit von Alkohol zu begrenzen, müssen andere Wege beschritten werden. Erstens: In den meisten Fällen findet der erste Kontakt mit Alkohol im Elternhaus statt. Die meisten Eltern halten den ersten Konsum von Alkohol mit ca. 14 Jahren, zum Beispiel anlässlich der Konfirmation oder der Jugendweihe, für völlig normal. In der Regel ist Alkohol für Kinder unverschlossen zugänglich. Das bedeutet, dass die Alltagserfahrungen von Jugendlichen der gesetzlichen Norm widersprechen. Da ist nur folgerichtig, wenn Jugendliche, denen der Kauf von Alkoholika verwehrt wird, ältere Freunde bitten, für sie einzukaufen. Zweitens: Während auf der einen Seite die Diskussion um jugendliche TestkäuferInnen schon seit einigen Jahren andauert, wurden im gleichen Zeitraum die Ladenschlussgesetze so geändert, dass Discounter zum Beispiel auf der Reeperbahn bis 23 Uhr billigen Alkohol verkaufen können – ein Angebot, dass sich in hohem Maße an Jugendliche und junge Erwachsene richtet, die sich die Getränkepreise in den Bars und Clubs gar nicht leisten können. Drittens: Um riskanten oder gefährlichen Alkoholkonsum wirklich zu verhindern, brauchen Jugendliche sichere Lebensbedingungen, Zukunftsaussichten und Wertschätzung – jenseits von Praktika, befristeten Arbeitsverträgen und Hartz IV. Sie brauchen bezahlbaren Wohnraum. Sie brauchen Bildung und gesellschaftliche Teilhabe, die nicht an den sozialen Status der Eltern gekoppelt ist. Es ist die Aufgabe der Politik Bedingungen hierfür zu schaffen, statt Kinder- und Jugendschutzrechte auszuhöhlen. So definiert zumindest DIE LINKE ordentliches Regieren.
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