Januar 2011

Qualität in der Pflege:

HeimärztInnen würden die Versorgung von zu Pflegenden verbessern


Rede in der Hamburgischen Bürgerschaft, 20. Januar 2011, Qualität der Pflege sichern, Pflegeheime wieder mit HeimärztInnen ausstatten, Bericht des Sozialausschusses zum SPD-Antrag Drucksache 19/8253 und einer Anhörung am 16. September 2010 dazu.

Herr Präsident, sehr geehrte Herren und Damen,

an diesem Bericht des Sozialausschusses wird sehr deutlich veranschaulicht, wie halbherzig und nachlässig der Senat die letzten drei Jahre mit dem zunehmend bedeutenden sozialpolitischen Thema Pflege umgegangen ist. Die Redebeiträge von Frau Blömeke und HErrn von Frankenberg bestätigen das.

Lesen Sie sich mal genau durch, was CDU und GAL inbrünstig gefordert haben, um die mangelhafte ärztliche Versorgung von stationär Gepflegten zu verbessern. Sie bezeichnen es als vernünftig, wenn die Akteure und Akteurinnen des Pakts für Prävention sich im Laufe diesen Jahres zusammen setzen, um mal nachzudenken, wie alle Beteiligten an der Förderung der Gesundheit mitwirken können.

Dabei liegen die Fakten auf dem Tisch: Täglich leiden Menschen darunter, dass sie nicht optimal ärztlich versorgt werden. Die Ergebnisse der Studie von Herrn Professor Püschel über den Zustand der Zähne von über 80-jährigen Verstorbenen ist ein wesentliches Indiz dafür, wie die Lebensqualität dieser Menschen oftmals ausgesehen haben muss. Wir müssen davon ausgehen, dass ein Großteil der Menschen über 80 Jahre aufgrund nicht mehr vorhandener Zähne, bzw. nicht vorhandenen oder passendem Zahnersatz offensichtlich nicht mehr in der Lage gewesen ist, Fleisch, Rohkost oder Vollkornbrot zu essen. Allein deswegen gibt es unmittelbaren Handlungsbedarf.

Wenn wir uns ansehen, dass sich die Bürgerschaft und der Sozialausschuss seit 15 Monaten mit dem Thema befassen, ohne dass etwas Substantielles dabei herumgekommen ist, dann ist das eigentlich ohne Worte. Worte finde ich aber dafür, dass GAL und CDU im Sozialauschuss mit ihren damaligen Mehrheiten durchgesetzt haben, dass es lediglich unbestimmte Anregungen geben soll, um etwas für die medizinisch unterversorgten Menschen in Hamburger Pflegeheimen zu tun.

Nun, da spielen natürlich harte Interessengegensätze eine Rolle. Die Hamburgische Pflegegesellschaft und auch die Krankenkassen sehen zum Beispiel keine strukturellen Probleme. Sie haben in der Anhörung am 16. September aber auch gesagt, dass sie zu wenige Daten aus den Pflegeheimen haben, um genau zu sagen, wo es eine Unterversorgung gibt.

Die Kassenärztliche Vereinigung wiederum ist ungeachtet statistischer Ergebnisse schon ganz konkret dabei, Hilfe zu leisten, zum Beispiel durch mobile Ärzteteams. Dies wird in Berlin praktiziert. Das ist übrigens auch kostensparend, weil dann die Notdienste weniger genutzt werden – vor allem nachts. Und es werden Krankenhauseinweisungen vermieden. In Berlin konnten sie um 50 Prozent gesenkt werden!

Haben Sie es eigentlich schon einmal persönlich erlebt, was ein alter Mensch durchlebt, wenn er vom Pflegeheim in ein Krankenhaus überwiesen wird? Er glaubt doch fast immer, er kommt nicht wieder zurück. Und die Angehörigen? Die erhalten Anrufe, manchmal am Arbeitsplatz, Ihre Mutter, Ihr Vater ist ins Krankenhaus gekommen. Ich habe es oft genug erlebt, was dann für Nöte ausbrechen. Glauben Sie etwa, man kann sich immer so leicht frei nehmen, wenn das passiert? Dann passiert es, dass die alten Menschen stundenlang allein sind im Krankenhaus – und hinterher stellt sich heraus, dass eine Einweisung gar nicht nötig gewesen wäre, sondern dass nur kein Arzt oder Ärztin greifbar gewesen ist.

Aber der Senat weiß noch nicht einmal, wie viele Notbeförderungen von Pflegeheimen aus in die Krankenhäuser erfolgen, bzw. weigert er sich bis heute beharrlich, der Linksfraktion auf Kleine und Große Anfragen diese Auskünfte zu geben. So einfach ist das, um ein Problem nicht zu sehen. ExpertInnen kritisieren aber glaubwürdig, dass im Krankenwagentransportwesen eine unglaubliche Ressourcenvergeudung stattfindet.

Und auch von den Zahnärzten gibt es konkrete Vorschläge, die einfach nur umgesetzt werden müssen: Das wäre zunächst eine Unterstützung in der Ausbildung von PflegerInnen und auch Angehörigen, wie Prothesen richtig herausgenommen und eingesetzt und wie sie gepflegt werden. Das kann nicht jede Altenpflegerin, haben wir erfahren. Es gibt das Angebot für die Fortbildungen. Aber hier auf der Senatsbank wartet man und wartet man und wartet man. Den Menschen in den Pflegeheimen läuft aber die Zeit davon und sie haben jetzt und gleich ein Recht darauf, ihren letzten Lebensabschnitt in Würde und bei bestmöglicher Gesundheit zu erleben, sehr geehrte Herren und Damen!

Der Vorteil von Heimärzten und -ärztinnen liegt auf der Hand, ich hatte das bereits vor zwei Jahren vorgetragen. Die Expertinnenanhörung am 16. September letzten Jahres hat das bestätigt: Sie kennen ihre Bewohner und Bewohnerinnen umfassend, können Visiten auch allein durchführen. Sie kennen in der Regel auch die Pflegedokumentation ihrer Patienten und Patientinnen, sie können sie auch kurzfristig aufsuchen. In der Vergangenheit gab es zudem auch nie Probleme damit, dass Heimärzte und –ärztinnen an Fachärzte und –ärztinnen überwiesen haben. Hier geht es insbesondere um Orthopäden, Gynäkologen, Urologen, Neurologen, Psychiater.

Sehr geehrte Kollegen und Kolleginnen Abgeordnete, das Thema Pflege wird die Politik in der nächsten Zeit immer intensiver und stärker beschäftigen. Die Linksfraktion begrüßt es, wenn es bald wieder HeimärztInnen in Pflegeheimen geben würde.