Januar 2011 Geschlechtsspezifische Jungenarbeit: Mit Mythen und Klischees muss aufgeräumt werden |
Rede in der Hamburgischen Bürgerschaft am 20. Januar 2011 TOP 32, Geschlechtsspezifische Arbeit mit Jungen stärken, SPD-Antrag, Ds. 2879 19/6356 und GAL-Antrag Ds. 19/2762 (und Antrag DIE LINKE, Ds 19/2868) Frau Präsidentin, sehr geehrte Herren und Damen, von Beginn an hat sich DIE LINKE dafür eingesetzt, dass mittels Gender Budgeting eine geschlechtergerechte Haushaltspolitik durchgeführt wird. Diesen Vorschlag hat der Senat, trotz grüner Einfärbung, zweieinhalb Jahre weitgehend ignoriert. Stattdessen kam im Frühjahr 2009 ein wortschwerer Antrag zur Stärkung der geschlechtsspezifischen Arbeit mit Jungen. SPD und die Linksfraktion zogen nach. Wir Linke wollten Schlimmstes verhindern, denn der Antrag von GAL und CDU klang doch sehr nach „Wir haben lange genug was für die Mädchen getan, jetzt sind endlich mal die Jungen dran“. Es wurden nun Leitlinien ausgearbeitet, die seit November letzten Jahres vorliegen. Geschlechtsbewusste Jungenarbeit und Jungenpädagogik findet auf dieser Grundlage ein – muss ich zugeben und loben – gutes, wenn auch unzureichendes, Fundament. Doch geht es nun darum, dass die formulierten Voraussetzungen auch umgesetzt werden. Das wird nur gelingen, wenn in der frühkindlichen Bildung und in der Schule auch investiert wird – und zwar geschlechterdifferenziert. Würde bereits Gender Budgeting angewendet werden, wäre dies kein Problem. Leider gilt es noch weitere dicke Bretter zu bohren, Klischees und Vorurteile bei dem Thema aufzulösen. So gelten Jungen immer noch als Bildungsverlierer und die vielen Lehrerinnen an Grundschulen sowie Erzieherinnen in Kitas taugen angeblich nicht als Vorbild. Dass letzteres nicht stimmt, beweisen neueste Studien. Ebenso wird das Thema Homosexualität im Fußball immer noch nicht so offensiv angerührt, wie es nötig wäre. Es ist ja eines der stärksten Tabus unter Männern. Das wirksam und gezielt anzugehen, hätte vermutlich mehr gebracht, als alle Drucksachen und Leitlinien zu diesem Thema zusammen genommen. Wenig bis gar nicht geredet wird auch darüber, warum es immer noch eine starke geschlechtsspezifische Ausprägung bei der Berufewahl gibt. Wer Berufe für beide Geschlechter attraktiv machen will, muss sich dafür einsetzen, dass sich die schlechte Bezahlung in typischen Frauenberufen verändert. Und wer an die Bezahlung ran geht, der hätte sich dringend mal mit den Gewerkschaften und den Arbeitgeberverbänden zusammen setzen sollen, damit die Tarifpolitik neue Impulse erhält. Aber zumindest die Gespächsbeziehung zwischen den Gewerkschaften und dem Senat lagen ja mehrere Jahre lang auf Eis. Wichtig finden wir auch die Rolle der Väter. Was ist hier passiert? Fakt ist, dass viele Frauen ihre Kinder immer noch allein erziehen. Selbst wenn sie in einer Partnerschaft leben, ist der Vater oft nicht präsent, weil er Überstunden schiebt oder sich aus der Erziehungsverantwortung drückt. Männliche Vorbilder suchen sich Jungen dann woanders. Oder sie phantasieren sich ihren ständig abwesenden Vater zum Superhelden zurecht mit der Folge, dass sie größte Identitätsprobleme bekommen. Welche starke Prägung aber Eltern als Vorbilder haben, ist unbestritten. Pädagogen in Kita und Schule können dies nur begrenzt kompensieren. Daher ist ein richtiger Schritt, Väter mehr in die Elternarbeit in Kita und Schule einzubeziehen. Aber dabei darf nicht vergessen werden: Elternarbeit ist zeitaufwendig. Dies muss also auch berücksichtigt und eingeplant werden, sonst nutzt der gute Wille wenig. Aufmerksam machen möchte ich noch auf Folgendes: Es gibt eine sehr dominante Strömung, Männerrechtler und Familienfundamentalisten, die allem Feminismus den Gar aus machen will. Sie werden auch von rechtsradikalen Kreisen gestützt und gefördert. Oder andersherum: Rechtsradikale versuchen Huckepack mit dem Thema Jungenbenachteiligung in den öffentlichen Raum zu gelangen. Sie finden dort einen Nährboden. Hier gilt es sehr aufmerksam zu sein. Unser Fazit:
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