November 2011 Stalking: Opfer benötigen Frauenhausplätze, günstige Wohnungen und Therapieplätze |
Rede zur Sitzung der Hamburgischen Bürgerschaft am 10. November 2011 anlässlich des Internationalen Tages gegen Gewalt an Frauen und Mädchen Frau Präsidentin, sehr geehrte Herren und Damen, dass die blaue Terres-des-Femmes-Fahne künftig am 25. November am Rathaus gehisst wird, ist ein gutes Signal. Es zeigt, dass Hamburg es ernst meint mit einem wirksamen Opferschutz. Es zeigt, dass Hamburg nicht gewillt ist, Gewalt an Frauen und Mädchen als Familienangelegenheit oder Privatsache zu dulden.Es kann in den nächsten Jahren gelingen, die Anzahl von Opfern Häuslicher Gewalt zu senken. Das Thema muss aber aus der Schamecke heraus, verehrte Abgeordnete. Ich wünsche mir in diesem Zusammenhang von den Medien, dass sie künftig nicht mehr von einem Familiendrama schreiben, wenn ein Mann eine Frau stalkt, schlägt, würgt oder erschießt. Sondern von einem Verbrechen. Es ist noch nicht lange her, da haben wir im Eingabenausschuss eine Petition beraten, bei der es darum ging, ob eine Frau die ihr von Amts wegen weggenommenen Kinder zurückerhalten kann. Es stellte sich im Verlauf der Beratung heraus, dass der Vater der Kinder gewalttätig gegen die Frau ist und sie misshandelt. Dennoch zog sie – mittlerweile wieder schwanger – das Zusammenleben mit diesem Mann anstatt mit ihren Kindern vor. Dieser Fall hat exemplarisch deutlich gemacht, wie komplex das Thema Gewalt gegen Frauen ist – und wie schwierig es ist, sie zu bekämpfen. Bis Opfer Hilfe suchen und es schaffen, sich von ihrem Peiniger zu lösen, dauert es oft Jahre. Es muss daher Aufgabe der Politik sein, diese Phase drastisch zu verkürzen, vereehrte Abgeordnete. Ich möchte nun etwas intensiver auf das Thema Stalking eingehen. 87 Prozent der Stalker sind Männer, 78 Prozent der Opfer sind Frauen. Stalking wird erst seit 2007 bestraft. Die Frage ist, ob das was geholfen hat. Denn, wie so oft, erreicht man mit dem Verschärfen von Gesetzen und mit repressivem Handeln nichts oder nur wenig. So müssen wir mindestens von etwa 1000 Fällen jährlich in Hamburg ausgehen. Die Dunkelziffer liegt weitaus höher. Ständiges Nachstellen, zum Beispiel durch Anrufen, SMSse oder das Sich-Aufhalten in der Nähe, führen beim Opfer zu schweren psychischen und physischen Reaktionen und zu ernsthaften Erkrankungen – bis hin zur Arbeitsunfähigkeit. Wussten Sie, dass in etwa jedem fünften Stalkingfall nicht nur aufgelauert oder nachgestellt, sondern es zu körperlichen Attacken kommt? Verhängt die Polizei nämlich Auflagen gegen Stalker, dann eskaliert oft erst die Situation – da fragt sich manche Frau, ob sie das Risiko eingehen soll. Unter anderem ist eine nachhaltige Öffentlichkeitsarbeit nötig, die Nachbarn, aber auch Arbeitgeber und Kollegen sensibilisiert und Opfer erreicht. Wenn Unternehmen, aber auch Ämter und Behörden begreifen, dass sie nicht nur Mitarbeiterinnen, sondern auch potenzielle oder tatsächliche Stalkingopfer beschäftigen, ist ein guter Schritt getan. Es können zum Beispiel Auskunftsmaterialien bereitgestellt werden. Und schwärzt ein Ex-Partner sein Opfer beim Arbeitgeber an, muss dies unmissverständlich zurückgewiesen werden Grundsätzlich sind konkrete Maßnahmen erforderlich, damit Frauen schneller als bisher aus gefährlichen Situationen entkommen können. Es bedarf daher umgehend mehr Frauenhausplätze. Und es bedarf auch mehr Wohnungen, in die die Frauen ziehen können, um sich aus dem Umkreis ihres ganz persönlich erlebten Terrors zu distanzieren. Wohnungsbau und günstige Mieten hatte die Linksfraktion ja bereits gestern zur Aktuellen Stunde angemeldet. Es werden auch dringend mehr Therapieplätze benötigt, damit Stalkingopfer wieder unbelastet ihr Leben führen können. Die Wartezeiten bei PsychotherapeutInnen sind unverantwortlich lang. Ich fordere von der SPD und vom Senat, dass hier im kommenden Jahr neue Akzente gesetzt werden. Dann weht die blaue Terres-des-Femmes-Fahne auch zu Recht am Rathaus. Dann ist es wirklich mehr als eine symbolische Aktion. |